Ein neues Fahrrad und neue Freunde

erschienen in der Main-Post am 10. April 2016

Mit den ausländischen Neubürgern ins Gespräch kommen, persönliche Kontakte knüpfen, dabei das gegenseitige Toleranzgefühl stärken und Brücken bauen zwischen den Kulturen – dazu gab es beim gutbesuchten Begegnungskaffee in der Mellrichstädter Markthalle genügend Gelegenheit.

Unter dem Motto „Annäherung statt Ausgrenzung“ hatte das Solidaritätsteam in Mellrichstadt am vergangenen Samstag Asylbewerber und Flüchtlinge aus der ganzen Umgebung sowie alle Einheimischen zu einem Treffen eingeladen. Die Organisatoren freuten sich: Viele kamen zum Begegnungstag und wollten Kontakte knüpfen, und die Idee, einen Fahrrad-Flohmarkt zu integrieren, erwies sich als Volltreffer.

Viele schöne Begegnungen bei Sonnenschein: Das schöne Wetter verlockte zum Plausch im Freien. Foto: Astrid Hagen-Wehrhahn

Auch das Wetter hätte besser nicht sein können. Die milden Temperaturen lockten zu den Hoch-Zeiten mehr als 100 Gäste zur Veranstaltung. Viele trugen Tische und Stühle aus der Halle nach draußen und ließen sich auf dem Vorplatz nieder, um leckeren Kuchen, Kaffee, vor allem aber die Gespräche in der Sonne sitzend zu genießen.

Viele Begegnungen zwischen Einheimischen und Neubürgern, die sich bereits kennen, fielen sehr herzlich aus. Andere Kontakte wurden neu geknüpft, und das trotz mancher Sprachbarriere. Nicht nur Neubürger, die in der Mellrichstädter Gemeinschaftsunterkunft, im Stadtgebiet und in den Stadtteilen untergebracht sind, waren der Einladung gefolgt, auch Asylbewerber und Flüchtlinge aus Oberstreu, Hendungen, Stockheim und Heustreu waren zur Markthalle gekommen, manche in Begleitung von ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern. Immerhin waren damit mehr als ein Dutzend Nationen vertreten, unter anderem Syrien, Afghanistan, Eritrea, Albanien und Kasachstan. So verlief manches Gespräch unter Mithilfe von Händen und Füßen. Und wenn das nicht funktionierte, kam Dolmetscher Mustapha Houneineh gern zu Hilfe und übersetzte.

Helmut Dietz vom Bürgeramt, in der Stadt zuständig für Flüchtlingsfragen, und Marianne Fritz vom Solidaritätsteam wurden mit großem Hallo und Umarmungen begrüßt. Auch zwischen Deutsch-Lehrerin Renate Brandstädter – sie unterrichtet in den Integrationskursen der Volkshochschule – und ihren Schülern gab es herzliche Begrüßungen. Einige der Neubürger standen den Ehrenamtlichen auch hinter den Theken helfend zur Seite. Keine Berührungsängste hatten auch die Kinder, für die das Solidaritätsteam eine Spielecke im Obergeschoss der Markthalle eingerichtet hatte. Und draußen trafen sich die Jüngsten zum Karten und zu Brettspielen.

Vom sonnigen Vorplatz aus konnte man auch gut dem Treiben auf dem Fahrrad-Flohmarkt zuschauen, ein Highlight des Begegnungsnachmittags. Einige Einheimische boten ihre Fahrräder, die bislang daheim ungenutzt im Keller oder der Garage standen, den Asylbewerbern zum Kauf an. Klar, dass diese verkehrstauglich sein mussten und preislich recht günstig angeboten werden sollten. Schon im Vorfeld hatten einige Bürger bei Stadträtin Karoline Karg, die den Flohmarkt leitete, Fahrräder abgegeben. Fachmännisch durchgecheckt und auf ihre Verkehrssicherheit hin überprüft, standen auch diese Zweiräder zum Verkauf.

Kaum hatte Karoline Karg den Flohmarkt eröffnet, standen auch schon Interessenten bereit. Zu den ersten Käufern zählte der 18-jährige Zubair Sultani aus Afghanistan, der ein Top-Fahrrad zu einem sehr günstigen Preis erwarb. Er freute sich riesig über den guten Deal, vor allem aber auch darüber, dass er mit dem Drahtesel in Zukunft sehr viel mobiler und flexibler ist. Auch seine drei Mitbewohner – sie leben in der Schillerstraße in Mellrichstadt in einer Wohngemeinschaft – wurden auf dem Flohmarkt fündig und sind nun stolze Besitzer eines eigenen Fahrrads.

Doch nicht nur Erwachsenenräder wurden angeboten, auch Kinderfahrräder, Bobby Cars, Tretroller, Laufräder, Inline-Skates und Kettcars standen vor allem bei den jüngeren Neubürgern hoch im Kurs. Karoline Karg hatte alle Hände voll zu tun, denn natürlich musste sie mit den Eltern hart verhandeln, bevor man sich schließlich über den Preis einig wurde und die Kleinen auf dem Tretroller oder Bobby Car ihre ersten Runden drehen durften.

Am Ende des gelungenen Begegnungstages hatten viele nicht nur neue Kontakte geknüpft und interessante Gespräche geführt, auch fast alle Fahrräder hatten ihren Besitzer gewechselt, und drinnen war das rund 25 Kuchen und Torten umfassende Buffet nahezu leer gefegt.

Der Verkaufserlös aus den Fahrrädern, die die Einheimischen unentgeltlich zur Verfügung gestellt haben, fließt im Übrigen in einen Spendentopf, aus dem Veranstaltungen, wie etwa der Begegnungstag, finanziert werden.

Von  Astrid Hagen-Wehrhahn