Hilfe zur Selbsthilfe – mit Augenmaß 17.09.2015

Ziel des Solidaritätsteams: Den Flüchtlingen das Leben in Deutschland lernen
MELLRICHSTADT (sto)

Mag die Ankunft der drei Flüchtlings-Familien aus Syrien in Mellrichstadt, um es mit den Worten von Bürgermeister Eberhard Streit zu sagen, noch „recht abenteuerlich“ gewesen sein, „ins Nichts gefallen sind sie nicht“. Einen Tag früher als angekündigt, standen sie – wie bekannt – vor der Tür. Dank der schnellen Reaktion der zahlreichen Helfer aus dem Solidaritätsteam war der Einzug ins neue Domizil am Abend geschafft. An diesem Beispiel habe sich Organisation und Struktur dieser Truppe bestens bewährt, lobte das Stadtoberhaupt bei einer Nachbesprechung in der Carl-Fritz-Stube. In gleichem Maße freute er sich darüber, dass sich die 15 Neubürger – sechs Erwachsene und neun Kinder – bereits in den ersten Tagen sehr lernbegierig zeigen, um sich im Alltagsleben zurechtzufinden.
Die Welle der Hilfsbereitschaft in der Stadt ist groß, weiß der Bürgermeister. Angebote der Hilfe sind nicht nur bloße Lippenbekenntnisse. Doch dürfe die Hilfe nicht zum Bumerang werden, indem die Neuankömmlinge „durch unser Tun überfrachtet werden“. Eberhard Streit:
„Was sie brauchen, sollen sie bekommen.“ Das schließe aber auch ein, dass für manche Dinge des täglichen Lebens – seien es Gegenstände oder Waren – ein kleiner Obolus fällig wird. Einerseits ein Aspekt, der „den Neubürgern Würde und Selbstbewusstsein gibt, ihnen aber andererseits auch nicht das Bild vom Schlaraffenland vorgaukelt“. Für Bürgermeister Streit ein ganz wichtiger Punkt mit Blick auf den sozialen Frieden in der Stadt.
Was die kleinen Schritte der Integration betrifft, da sind sich der Bürgermeister und Marianne Fritz, Sprecherin des Solidaritätsteams, im Konsens mit den übrigen Mitstreitern einig. „Wir müssen den Flüchtlings-Familien Orientierung geben und ihnen das Leben in Deutschland lernen.“ Unter dem Motto „Hilfe zur Selbsthilfe“ soll den Neubürgern so Schritt für Schritt der Weg in die Selbständigkeit gelingen. Ein unverzichtbarer Mitstreiter steht den Mellrichstädtern mit Mustapha Honneineh zur Seite. Der gebürtige Libanese ist nicht nur Dolmetscher und Sprachrohr für beide Seiten, er ist den Neubürgern ein wichtiger Vermittler bei den verschiedensten Behördengängen und nicht zuletzt dem Bürgermeister wie auch den Mitstreitern aus dem Helferkreis ein gefragter Ratgeber, was die Lebenskultur der Neuankömmlinge betrifft. Die drei Familien aus Syrien fühlen sich mit ihren Kindern in Mellrichstadt sehr wohl, weiß Mustapha aus seinen Gesprächen. Nicht zuletzt trägt auch das herzliche Verhältnis mit den Nachbarn in der Hainhöfer Straße zum schnellen Eingewöhnen in das Alltagsleben bei. A propos Alltagsleben. Das hat für sieben der neun Kinder der drei Flüchtlings-Familien mit der Einschulung in dieser Woche schon begonnen. Eine ins Gespräch gebrachte Übergangsklasse in der Grundschule Mellrichstadt, in der Flüchtlingskinder aus mehreren Orten hätten unterrichtet werden können, wird es nicht geben, berichtete Carola Altenhöner-Weigel vom Arbeitskreis Schule von der Entscheidung des Schulamts. Laut ihrer Auskunft werden drei Kinder die erste Klasse und drei Kinder die vierte Klasse besuchen. Ein Kind wechselt in die Mittelschule.
„Sie alle sind heiß darauf, in die Schule zu gehen“, machte Altenhöner-Weigel deutlich. Die schulische Seite ist nach den Worten der Pädagogin so weit geregelt, dass sie über die Fächer Musik, Malen und Werken sowie Sport in den Unterricht miteingebunden und integriert werden. Ab kommender Woche stehen im evangelischen Kindergarten in Mellrichstadt zwei freie Plätze für die beiden jüngsten Neubürger zur Verfügung, fügte Pfarrer Andreas Werner mit dem Hinweis auf das Betreuungsangebot hinzu.
Für Kinder, die die Schrecken der Kriegswirren hautnah miterlebt haben, sicherlich eine Geste, die ihnen unvergessen bleibt: die Schultüten-Aktion des Aktiven Mellrichstadt am vergangene Mittwoch. Zur hellen Freude der Kinder wurden in den Fachgeschäften die Schultüten neben allerlei Süßigkeiten auch mit Schreib- und Malstiften, mit Brotdosen oder Trinkflaschen gefüllt. Und so hörte man sie Worte wie Bitteschön und Dankeschön, oder auch Hallo und Guten Tag immer wieder voller Stolz wiederholen.

von Georg Stock